Alltags-Challenge: Kompositrestauration

Workflow bei direkter Kompositrestauration einer tiefen Kavität im Seitenzahnbereich

Anhand der Neuversorgung einer Kompositfüllung im Seitenzahnbereich (Zahn 26) beschreibt der Autor das Vorgehen bei tiefen Kavitäten. Dabei geht er insbesondere auf die vorbereitenden Maßnahmen ein, die neben dem Ätzen, Bonden und der eigentlichen Kompositrestauration maßgeblich erfolgsentscheidend sind. Dazu zählt insbesondere die adäquate Vorbereitung des Arbeitsfelds – die dafür entscheidenden Stichworte lauten: Kofferdam, suffiziente Inversion, Sandstrahler sowie Matrize und deren Fixierung.

Ausgangssituation

Eine 25 Jahre alte Patientin stellte sich zur Routinekontrolle in der Zahnarztpraxis vor. Sie war regelmäßig beim Zahnarzt und hatte keine Beschwerden. Zur Kariesdiagnostik wurden Bissflügelaufnahmen angefertigt. Dabei zeigte sich mesial an der Okklusalfläche des Zahns 26 eine insuffiziente Füllung, die sich bis in den Approximalbereich fortsetzte (Abb. 1), was bei der reinen Sichtkontrolle nicht sofort ersichtlich wurde (Abb. 2). Der Kältetest war klar positiv. Die Patientin wurde daher über die Erneuerung der Füllung am Zahn 26 aufgeklärt.

Abb. 1 und 2: Prä-OP-Bissflügelaufnahme des 2. und 3. Quadranten – deutlich ist die insuffiziente Füllung zu erkennen. Rechts ist die Ausgangsituation nach Kofferdam-Applikation mit Gorilla-Floss-Ligaturen an 25 und 26 dargestellt. Die Ligaturen drücken den Kofferdam bis tief in den Sulkus und ermöglichen eine hohe Retraktion der Gingiva. Das vereinfacht die Versorgung tiefer Kariesdefekte deutlich. Man benötigt dafür einen Heavy-Gauge-Kofferdam. Die Stanzungen im Kofferdam dürfen nicht zu groß sein, sonst kommt keine Inversion zustande. Ohne Inversion des Kofferdams ist die Isolation des Arbeitsfeldes nicht gegeben.

Isolation

Die Behandlung startete mit der Betäubung des Arbeitsfelds. Danach wurde das Arbeitsfeld mit einem Heavy-Gauge-Kofferdam (Isodam heavy 6x6) isoliert. Die Master-Klammer sitzt dabei so weit distal wie möglich. Grundsätzlich ist bei derartigen Versorgungen ein großes Isolationsfeld zu bevorzugen (Sextanten- oder Quadrantenisolation). Ein wichtiger Schritt der Isolation ist die Stanzung der Perforationen im Kofferdam. Eine Schablone zur Markierung ist dafür ein nützliches Hilfsmittel. Allerdings sollten die Perforationen nicht zu groß gewählt werden, da ansonsten eine suffiziente Inversion deutlich erschwert würde.

Nach der Applikation des Kofferdams wurde dieser am Zahnhals invertiert. Diese Maßnahme dient dazu, das Arbeitsfeld gegen Flüssigkeit abzudichten. Die Isolation ist nicht vollständig ohne adäquate Inversion. Dazu stehen verschiedene Techniken zur Verfügung. In diesem Fall wurden Ligaturen aus Gorilla Floss (sehr große Stabilität und Standfestigkeit) gewählt. Diese Ligaturen sorgen nicht nur für eine Inversion, sondern auch für eine Retraktion der Gingiva. Dadurch wird die Versorgung tiefer Kavitäten – wie im vorliegenden Fall – deutlich erleichtert.

Restauration

Nach dem Entfernen der alten Füllung wurde die Kavität sichtbar (Abb. 3). Diese konnte nun minimalinvasiv unter Substanzschonung erweitert werden. Dabei wurden unterminierende Schmelzanteile nur so weit entfernt, bis alles kariös veränderte Dentin mit dem Rosenbohrer zugänglich war. Nach der Kariesentfernung wurde die Kavität mit dem Sandstrahler (28 µm Aluminiumoxid) gereinigt (Abb. 4). Mit diesem Vorgehen entfernt man die entstandenen Debris und verbessert den adhäsiven Verbund.

Abb. 3 und 4: Minimalinvasive Eröffnung des Defekts. Die Randleiste wird mit dem Bohrer geschwächt, ohne den Kontakt ganz aufzulösen. Je nach Defektgröße wird die Kavität nun erweitert. Der rechten Abbildung ist die Situation nach Exkavation und Sandstrahlen des Defektes zu entnehmen. Das Abstrahlen der Kavität entfernt die Debris, die durch die Bearbeitung mit Diamant- und Rosenbohrern entstanden sind. Diese zusätzliche „Reinigung“ der Kavität mit dem Sandstrahler ermöglich einen optimalen adhäsiven Verbund.

Beim Einbringen der Matrize ist darauf zu achten, dass sich diese nicht verformt. Nur ein optimales Emergenzprofil sichert eine gute Hygienefähigkeit. In Fällen wie dem hier gezeigten ist oft eine Deep Margin Elevation nötig, um eine optimale Emergenz zu garantieren. Bei der Deep Margin Elevation würde der tiefe Teil der Kavität als erstes mit einer Spezialmatrize aufgebaut. Danach erfolgt die Restauration des Kontaktpunktes mit einer normalen Matrize. Das Vorgehen funktioniert bei konsequenter Isolation sehr gut, kostet aber mehr Zeit, da zwei Arbeitsschritte nötig sind.

Ohne Deep Margin Elevation könnte der Keil zur Fixierung der Matrize diese deformieren und damit die Emergenz stark beeinträchtigen. Allerdings konnte in diesem Fall die zeitaufwendigere Deep Margin Elevation vermieden werden, es wurde stattdessen ein Plastikkeil (Palodent V3 large Wedge) zur Fixierung der Matrize verwendet (Abb. 5). Dieser deformiert die Matrize nicht, fixiert sie aber trotzdem ausreichend. Leider werden die Zähne durch den Plastikkeil jedoch nicht so stark separiert. Die Separation erfolgte bei dieser Technik daher über den Spannring (keine zu abgenutzten Spannringe verwenden!). Unter Einsatz des Plastikkeils konnte im gezeigten Fall also Zeit gespart werden.

Die Kavität wurde schließlich mittels Säure-Ätz-Technik konditioniert und gebondet (im gezeigten Fall mit Optibond FL). Die Restauration erfolgte nach einem probaten Ablauf:

  • Schritt 1: Rekonstruktion der Randleiste mit Estelite Asteria NE (Tokuyama Dental);
  • Schritt 2: Dentinersatz mit Estelite Asteria A3B (Tokuyama Dental);
  • Schritt 3: Cusp-by-Cusp-Technik der zentralen Höckerabhänge mit Estelite Asteria OcE (Tokuyama Dental);
  • Schritt 4: Ergänzung der peripheren Morphologie mit Estelite Asteria WE (Tokuyama Dental);
  • Schritt 5: Einfärben der Fissuren mit Inspiro Fissure (EdelweissDR).

Nach Abschluss der Kompositschichtung wurde die gesamte Restauration nochmals unter Glyceringel ausgehärtet. Das beseitigt die Sauerstoffinhibitionsschicht. Dadurch wird die Polierbarkeit deutlich verbessert und die Haltbarkeit deutlich erhöht. Nach Entfernung der Kompositüberstände wurde die Restauration vorpoliert (EVE Rotary Twist System). Der gewünschte Hochglanz wurde final mit Ziegenhaarbürstchen eingestellt (Abb. 6 und 7).

Abb. 5 und 6: Applikation der Matrize und des passenden Spannrings. Zusätzlich wurde ein Teflonband vor Einbringen des Spannrings eingebracht. Das verbessert die Adaption der Matrize deutlich und verringert den Aufwand bei der späteren Ausarbeitung Der verwendete Keil ist aus Kunststoff, der weniger Separation generiert (die Separation erfolgt dabei mehr über den Spannring) und die Matrize im zervikalen Anteil nicht deformiert. Das ist ein großer Vorteil. Ansonsten hätte man diese Kavität nur mittels Deep Margin Elevation versorgen können. In der rechten Abbildung ist die okklusale Ansicht der abgeschlossenen Restauration mit Estelite Asteria NE (Randleiste) + A3B (Dentinersatz) + OcE (zentrale Höckerabhänge) + WE (laterale Höckerabhänge + Randleisten- morphologie) + Inspiro Fissure (Fissureneinfärbung) dargestellt.

Abb. 7: Abgeschlossene Restauration — sagittale Ansicht.

Fazit

Oftmals sind es die scheinbar kleinen, einfachen Dinge, die voller Überraschungen stecken. Wer hätte gedacht, dass sich bei der Patientin, die über keine Beschwerden geklagt hatte, eine derart ausgedehnte Läsion finden würde. Leider hatte das Bonding der Erstversorgung nicht ausgereicht, um die Kavität ausreichend zu versiegeln.

Um bei derartigen Läsionen ein gutes und vor allem langzeitstabiles Ergebnis erzielen zu können, ist es daher notwendig, bestimmte Dinge wie das sorgfältige Abdichten des Arbeitsfelds gegen Flüssigkeit, das Anbringen adäquater Ligaturen für die Inversion sowie eine substanzschonende, aber dennoch praktikable Präparation und den korrekten Einsatz der Matrize zu beachten – nicht zu vergessen das Ätzen und Bonden lege artis sowie die Restauration des Defekts mit den geeigneten Kompositen.

So konnte an Zahn 26 eine Kompositrestauration erzielt werden, die als solche nicht zu erkennen ist und ihrer Aufgabe, nämlich den Zahn zu konservieren und den Defekt zu kaschieren, absolut gerecht wird (Abb. 8 und 9).

Dr. Mathias Kühn i Dr. Mathias Kühn

Autor:

Dr. Mathias Kühn

Dr. Mathias Kühn ist national und international als Referent im Bereich ästhetische Zahnmedizin tätig. Ergänzend dazu ist er Opinion Leader für nationale und internationale Dentalfirmen. Seine berufliche Tätigkeit fokussiert sich seit vielen Jahren sehr intensiv auf alle Aspekte der ästhetischen Zahnmedizin. Die Natürlichkeit der Zähne zu erhalten war dabei immer sein größter Antrieb. Dabei steht nicht der einzelne Zahn, sondern immer das gesamte Erscheinungsbild im Mittelpunkt. Um den individuellen Bedürfnissen und Wünschen seiner Patienten gerecht zu werden, setzt er all sein Wissen und Können ein.

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